Rezitation
Als ich zum ersten Mal in Japan ein Zen-Kloster besuchte um dort Zazen zu üben, war ich ziemlich erstaunt und verunsi-chert. Kaum hatte ich mich auf meinem Sitzkissen eingerich-tet, erklang ein Glockenschlag und die Anwesenden began-nen, im Rhythmus einer hölzernen „Trommel“ lautstark einen Text zu rezitieren. Wo war ich bloss hingeraten? Ich wollte keine Lobgesänge mehr anstimmen und auch nicht mehr beten. Ich wollte bloss meditieren. Da in einem japanischen Zen-Kloster nicht viel erklärt wird brauchte ich ziemlich lange bis ich verstand. Die rezitierten Texte waren natürlich weder Lobgesänge noch Gebete. Es waren schlicht und einfach Lehrtexte. Die ersten Jahre nach Buddha wurde seine Lehre nicht aufgeschrieben, sondern mündlich weitergegeben. Um sich die Texte besser merken zu können wurden sie in Vers-form gebracht und rhythmisch vorgetragen…. So geht es bei der Rezitation in erster Linie darum, sich wichtige Lehrinhalte immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Natürlich ist es wich-tig, die Texte Wort für Wort und im besten Fall unter Anlei-tung eines Lehrers zu studieren und zu verstehen. Die Rezi-tation ist jedoch für das intellektuelle Verständnis nicht be-sonders geeignet, besonders wenn sie nicht in der eigenen Muttersprache durchgeführt wird. Warum wird also trotzdem rezitiert? In einem Rinzai-Kloster beginnt der Tag normaler-weise mit einer Stunde (!) Rezitieren in hohem Tempo und grosser Lautstärke. Das weckt die Lebensgeister und fegt die Alltagsprobleme hinweg. Es fordert volle Konzentration um das Tempo halten zu können und sich dem Rhythmus der Anderen anzupassen. Ausserdem stärkt es den Atem, die Stimme und den Energiefluss. Gezwungenermassen lebt man völlig in der Gegenwart, wenn man sich mit dem ganzen Körper und allen Sinnen hineingibt. In diesem Sinne ist auch das Rezitieren der Lehrtexte eine Art Meditation.
Marco Genteki Röss, Kaikatsuan, Ort für jap. Schriftkunst und Zen-Meditation Alleeweg 30, 3006 Bern

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