Freitagstext vom Freitag den 19.06.2009
Gedankenstrom…
Auch wenn wir versuchen, unsere Aufmerksamkeit auf den Atem, den Körper oder ein Gebet zu konzentrieren, werden wir darin immer wieder von dem reissenden Strom unserer Gedanken, Erinnerungen und Pläne unterbrochen. Wie die Speicheldrüsen Speichel absondern, so produziert der Geist Gedanken. Die Gedanken denken sich selbst. Das ist an sich nichts Schlechtes. Der Geist tut es einfach.
Wenn sich die Achtsamkeit auf das Denken richtet, werden wir uns einer vollkommen neuen Dimension der Existenz bewusst. Wir sehen, wie unser lächerlicher, sich endlos wiederholender Gedankenstrom ständig unser begrenztes Selbst schafft mit all seinen Wertungen, Verteidigungsstrategien, Plänen und Entschuldigungen. Wenn wir diese Gedanken nicht genauer untersuchen, glauben wir ihnen einfach. Würde allerdings jemand ständig neben uns herlaufen und uns dabei dauernd unsere Gedanken ins Ohr flüstern, würden wir uns sehr schnell langweilen. Ginge das unentwegt so weiter, würde uns die Krittelei schnell entnerven, seine permanente Schwarzseherei würde bei uns ein bedrückendes Gefühl zurücklassen, und schliesslich würden wir explodieren, weil der Kerl neben uns nicht einmal für ein paar Sekunden die Klappe halten kann.
Die buddhistische Psychologie gibt uns zwei Methoden an die Hand, mit Gedanken zu arbeiten. Zunächst einmal zeigt sie uns, wie wir die inhaltliche Seite unserer Gedanken untersuchen können. Im nächsten Schritt lernen wir, uns davon zu lösen.
Wenn wir achtsam unseren Gedankenstorm verfolgen, stossen wir gleichsam auf den inneren Soundtrack zu unserem Leben. Wenn der Soundtrack läuft, werden wir zum Helden oder zum Opfer, zur Prinzessin oder zum Leprakranken. Wir haben eine eigene Dramaturgieabteilung im Kopf. Der Castingchef besetzt die Rollen: innerer Diktator, innerer Kritiker, Abenteurer, verlorener Sohn, Bettler und Millionär. Auf dem Meditationskissen lernen wir diese Rollen alle kennen.
Wir können aus dem Gedankenstrom heraustreten, indem wir uns achtsam auf den Körper konzentrieren oder kontemplatives Gehen üben.
Wenn wir unsere Gedanken beobachten und unsere Überzeugungen in Frage stellen, gelangen wir allmählich zu der Einsicht, dass Denken, Planen und Erinnern zwar ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens sind, dass sie jedoch weniger bedeutsam sind, als wir glauben. Der Grossteil unsereres geistigen Leidens entsteht, weil wir so fest an unsere Überzeugungen glauben.
Der Meditationslehrer / Ajahn Chah sagte: „Ihr habt so viele Ansichten und Meinungen darüber, was gut und was schlecht ist, richtig und falsch, darüber, wie die Dinge sein sollten. Ihr hängt an euren Ansichten und leidet unendlich.“
In der Stille der Meditation erkennen wir die substanzlose Natur des Denkens. Wir beobachten, wie Worte und Bilder kommen und gehen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Abfolge von Bildern und Assoziationen bringt Luftschlösser hervor. Diese bleiben eine Weile bestehen und lösen sich dann wieder auf wie die Blasen in einem Glas Mineralwasser.
Wenn wir ohne Anhaftung Gedanken kommen und gehen lassen, können wir unsere Gedanken zwar nutzen, bleiben aber doch im Herzen. Wenn wir aus dem Herzen leben, leben wir in Harmonie mit unserem Atem, unserem Körper. Wenn wir aus dem Herzen leben, werden wir vertrauensvoll und mutig. Unsere Geduld wächst. Wir müssen nicht mehr über alles nachdenken. Das Leben entfaltet sich einfach.
Oder wie der indische Meister Charon Sing sagte:
“ Mit der Zeit wird sogar Gras zu Milch.“
JACK KORNFIELD

[...] Freitagstext von Freitag 22.o5.2009 Gedankenstrom… [...]