Wer bin ich?
Mit dem Körper beginnend fragen wir: „Bin ich die Haut? Die Haare? Die Muskeln und Knochen? Die Organe oder das Blut? Bin ich dieser Körper?“
Die moderne Wissenschaft erklärt, dass innerhalb von sieben Jahren jedes Molekül im Körper ausgetauscht wird. Wenn ich also keines der materiellen Elemente dieses Körpers bin, was bin ich dann? Bin ich der Strom sich wandelnder Gefühle? Oder Wahrnehmungen und Erinnerungen? Bin ich Gedanken und Ideen, Überzeugungen und Meinungen?
Wer bin ich?
Im Dialog mit seinen Schülern unterstrich der Buddha stets, wie wichtig es ist, sich seiner wahren Natur bewusst zu werden.
„Mönche, können wir die Dinge, die im steten Wandel sind, als Selbst bezeichnen? Sind die sich stets wandelnden Empfindungen des Körpers vielleicht das Selbst? Sind die sich wandelnden Gefühle und Wahrnehmungen das Selbst? Sind es die sich wandelnden Bewusstseinszustände?
Letzlich, sagte der Buddha, ist all dies frei von einem Selbst.“
Was wir als Selbst bezeichnen, ist wandelbar. Das Selbst entsteht und verfestigt sich wie Wasser, das zu Eis gefriert. Das Eis besteht aus derselben Substanz wie das Wasser. Identifizierung und Anhaftung aber lassen es zu Eis gefrieren. Auf dieselbe Weise erleben wir unser scheinbar isoliertes Selbst.
Der indische Meditationslehrer Sri Nisargadatta sagt:
„Ihr identifiziert euch immer so schnell mit allem – mit eurem Körper, euren Gedanken, euren Meinungen, euren Rollen. Deshalb leidet ihr. Ich habe alle Identifikationen aufgegeben. Seht, wie mein Daumen und mein Zeigefinger sich berühren. Wenn ich mich mit meinem Zeigefinger identifiziere, bin ich der Fühlende und der Daumen ist das Objekt, das ich ich wahrnehme. Wenn ich die Identifikation umkehre und zum Daumen werde, nehme ich den Zeigefinger als Objekt wahr. Wenn ich also meine Aufmerksamkeit verlagere, werde ich zum Objekt, das ich ansehe. Ich bezeichne diese Fähigkeit, andere Standpunkte im Bewusstsein nachzuvollziehen, als Liebe.“
Das Loslassen von Identifikationen bedeutet nicht, dass wir unsere einzigartige Natur eines jedes Menschen leugnen. Unsere Einzigartigkeit bleibt, doch ohne selbstbezogene Anhaftung und Furcht. Wir entdecken, dass unsere Identität weit flüchtiger ist, als wir bisher angenommen haben, dass sie einem Fluss gleicht und in jedem Augenblick neu geboren wird.
Die Weisheit sagt, wir sind nichts. Die Liebe sagt, wir sind alles. Zwischen diesen beiden Punkten ist unser Leben im Fluss.
JACK KORNFIELD

[...] Freitagstext von Freitag 22.o5.2009 Wer bin ich? [...]